Lilith

Leidenschaften sind Fahrstühle zwischen Himmel und Hölle.


Andreas Tenzer

Collier-Lilith

Collier-Lilith-Foto via Wikimedia Commons.

Synonym: Schwarzer Mond

Name: לילית (Li-Li-Th hebräisch: weiblicher Dämon)

Symbole:

  • Symbol-lil.gif Lilith als der "Schatten" des Mondes
  • Symbol-lil-alt.gif Lilith als Mondschatten, dominierend über dem Kreuz, das für die Erde steht, angeordnet.
  • Symbol-lil-asteroid.gif Symbol des Asteroiden Lilith

Über das, was Lilith astronomisch ist, herrscht in der astrologischen Literatur einige Verwirrung. Die meisten Astrologen sind Anhänger einer der beiden folgenden Auffassungen  denen zufolge Lilith ein sensitiver Punkt ist:

  • demnach ist Lilith entweder der zweite Brennpunkt der elliptischen Bahn des Mondes - neben der Erde, dem ersten - oder
  • der erdfernste Punkt dieser Bahn, das Apogäum.

In gewisser Weise stimmt beides, obwohl zweiter Brennpunkt und Apogäum nicht identisch sind. Die Mondbahn weist jedoch keine wirkliche Ellipsenform auf, da die Mondbahn nicht nur durch die Gravitation der Erde, sondern auch die der Sonne beeinflusst wird. Deshalb ist es schwierig, eindeutige Brennpunkte zu bestimmen, was für die Definition als Apogäum spricht. Allerdings ist die Frage, welcher Punkt für Lilith angenommen wird, für die Lokalisierung im Horoskop ohnehin irrelevant, denn zweiter Brennpunkt und Apogäum liegen auf einer Linie, und somit ergibt sich bei der Berechnung ein und derselbe Tierkreisgrad. Der Gegenpol von Lilith im Tierkreis ist Priapus, der erdnächste Punkt bzw. das Perigäum. Da die Mondbahn um die Erde tänzelt und der Mond von der Erde aus betrachtet am Perigäum stärker durch die Sonne "aus der Bahn gebracht" wird, kann das Perigäum bis zu 25° von der Opposition zum tatsächlichen Apogäum des Mondes entfernt stehen. Lilith und Priapus bilden also eher selten eine genaue Oppositionsachse. Dennoch kann in der astrologischen Deutung die Opposition zu Lilith als Perigäum interpretiert werde

In den Ephemeriden wird häufig eine "wahre" und eine "mittlere" Lilithposition angegeben. Diese können jedoch sehr weit voneinander abweichen. Darüber hinaus entspricht die wahre Lilithposition meist gar nicht den tatsächlichen Gegebenheiten und kann damit das, was ihr Name zu versprechen scheint, nicht halten. Die meisten Astrologen arbeiten daher mit der mittleren Lilith.

Für einen Umlauf durch den Tierkreis benötigt Lilith etwa 8 Jahre und 10 Monate.

Es gibt außerdem noch zwei weitere Phänomene, die als Lilith bezeichnet werden bzw. wurden:

  • In der Antike nannte man so einen zweiten Erdtrabanten, der sich angeblich immer vor der Mondscheibe befinde und deshalb von der Erde aus nicht gesehen werden könne. Das ist aber nach den astronomischen Gesetzen nicht möglich.
  • Darüber hinaus gibt es im Asteroidengürtel zwischen den Bahnen von Mars und Jupiternoch einen Asteroiden namens Lilith.

Im Alten Testament gilt sie als die erste Frau von Adam, bisweilen sogar als seine Mutter. Sie wurde nicht aus seiner Rippe geschaffen, sondern als seine gleichberechtigte Partnerin aus derselben Erde. Die Konkurrenz zwischen ihr und Eva war von Anfang an groß. Sie entzündete sich vor allem an der Frage der Sexualität. Beide bestanden darauf, bei der Vereinigung oben zu liegen, und weil keine nachgeben wollte, verließ Lilith das Paradies. Dabei beging sie einen Tabubruch: sie sprach den Namen des unaussprechlichen Gottes Jahwe aus. Der war aber offenbar dennoch von ihr beeindruckt, denn er schickte Engel aus, die sie zur Umkehr bewegen sollten. Sie ließ sich jedoch nicht umstimmen und wurde schließlich zur Herrscherin über die Nacht.

Die Quellen um Lilith sind ziemlich rar. In der Bibel wird sie nur an einer einzigen Stelle zitiert, als ein Gottesgericht der Verwüstung der Erde beschrieben wird (Jes 34,14): "Da treffen Wüstentiere mit wilden Hunden zusammen, und Bocksdämonen begegnen einander. Ja, dort rastet die Lilit und findet einen Ruheplatz für sich." Es geht dort um ausgestoßene Kreaturen, mit dem "Bocksdämon" beispielsweise wird der Sündenbock in Verbindung gebracht, und ebenso gehört Lilith zu den verstoßenen Wesen.

Im Zohar wird Lilith als nicht-materielle Traumgestalt, als Schattenwesen dargestellt, das verführerisch und verführend wirkt, wenn dort steht: "Sie wandert des Nachts umher, erregt die Söhne der Menschen und bringt sie dazu, sich selbst zu beflecken

Es mag diese Schilderung sein, die Michelangelo in seiner bildnerischen Darstellung der Vertreibung aus dem Paradies dazu bewog, Lilith mit der Schlange der Versuchung gleichzusetzen. Sie gilt jedenfalls in der Mythologie immer auch als schön, ist niemals ein hässlicher Dämon. Beispielsweise wird sie im Talmud als Frau mit langen Haaren beschrieben was in der jüdischen Tradition ein Symbol sexueller Verführung ist.

Die jüdische Tradition hat Lilith als Dämonin und Vampirin verteufelt. Im Gegensatz dazu wird sie vom Feministinnen als Vorkämpferin gegen patriarchale Unterdrückung und für Emanzipation idealisiert.

Geschichte

1918 schrieb Sepharial in seinem Buch The Science of Foreknowledge von der Entdeckung eines neuen Erdbegleiters, "Dark Moon", er nannte ihn Lilith, den ein deuscher Astronom um 1900 beobachtet haben will. Diese Lilith intendierte allerdings noch eine deutlich andere als die heutige verbreitete(n) Bedeutung(en). Der Name wiederum blieb aber erhalten und wurde später wieder aufgegriffen, z.B. von der bekannten amerikanischen Astrologin Ivy Goldstein-Jacobson (1893-1990), die 1961 ein Buch mit dem Titel The Dark Moon Lilith in Astrology (Pasadena/USA 1961) veröffentlichte und mit als Initiatorin der sich danach entwickelnden Lilith-Deutung(en) und -Forschung gilt.

Eine breite Lilith-Rezeption, auch in der Astrologie, fand in Europa erst ab den 1980er Jahren statt. Den wesentlichen Impuls dafür gab die französische Autorin und Astrologin Joelle de Gravelaine mit ihrem Werk Le Retour Du Lilith: La Lune Noire, welches 1985 in Frankreich erschien und bald in verschiedene Sprachen übersetzt wurde. Die deutschsprachige Ausgabe kam 1990 in den Handel und regte weitere Veröffentlichungen, Deutungen und Auseinandersetzungen an.

Bereits 1988 wurde in Deutschland zumindest der Begriff "Schwarzmond" von der damaligen evangelischen Theologin und späteren Psychoanalytikerin Jutta Voss in ihrem umstrittenen Werk Das Schwarzmond-Tabu. Die kulturelle Bedeutung des weiblichen Zyklus aufgegriffen, Schwerpunkt darin war u.a. die Tabuisierung des weiblichen Zyklus in den patriarchalischen Religionen (inkl. Christentum) und Gesellschaften.

Deutung

Lilith kann als Punkt auf der Mondbahn natürlich nur mit Themen des Mondes in Verbindung stehen, also mit dem Empfindungsleben, dem Seelischen und dem mütterlichen, umsorgenden Prinzip, aber auch mit dem Wahrnehmen und dem Identifizieren mit der Umwelt. An seinem Apogäum ist der Einfluss des Mondes und seiner Zuständigkeitsbereiche geschwächt, da er dort am weitesten von der Erde, aber auch von uns Menschen entfernt ist.

In diesem Sinne zeigt Lilith im Horoskop, wo wir den Mond weniger spüren, d.h. neuen Einflüssen stärker ausgesetzt sind, uns von bisherigen Sicherheiten (oder gewohnten Geborgenheiten) weg bewegen, "nicht mehr ganz dazugehören", wo wir in ungewisse bzw. bedrohliche Tiefen eintauchen. Dabei können wir uns, wie auch sonst bei einem geschwächten Mond im Horoskop, fremd und einsam fühlen oder in einer Art Ausnahmezustand befinden. Lilith offenbart hier jedoch auch, wo wir die Quellen der eigenen Kraft finden. Wir lernen durch sie, verunsichernde Situationen zu bestehen und stark zu werden. Im Sinne der astrologischen Entsprechungen des Mondes werden wir dort, wo sein Apogäum ist, von Gefühlen und der Umwelt unabhängiger. Bei Frauen führt eine hervorgehobene Lilith oft zu einer Distanzierung von der gesellschaftlich erwarteten Rolle als umsorgende Ehefrau und Mutter, und statt dessen zu Freiheit und Selbstständigkeit. Bei Männern bringt Lilith ebenso einen typischen Wunsch nach Autonomie, häufig damit verbunden, erst einmal „draußen“ etwas unter Beweis zu stellen, bevor „mann“ sich auf Gefühle (und damit eine gewisse Abhängigkeit) einlassen kann.

Da Lilith symbolisiert, wo wir uns seelisch-emotional von der Welt des gewöhnlichen, irdischen Daseins distanzieren, zeigt sie eine Art "Tor zwischen Diesseits und Jenseits". Dabei steht sie auch in Verbindung mit Themen wie Schamanismus und Magie. Sie ist allerdings nicht die Magie selbst, sondern vielmehr eine Verbindung zur „Anderswelt“ der Götter, Dämonen und Geister bzw. zu deren verborgenen Gesetzmäßigkeiten.

Sie bedeutet auch ein Tor zwischen Leben und Tod, da die Erdgebundheit geschwächt ist. Wird Lilith ausgelöst, beispielsweise durch einen wichtigen Transit, so befindet man sich an diesem Tor, das nun geöffnet ist. Bei vielen geht es dann in Richtung Leben, und sie bekommen beispielsweise ein Kind, wobei hier jedoch der "Tod" des Ego immer Voraussetzung ist; manche scheiden aber auch tatsächlich aus dem Leben. Andere wiederum erleben, dass es kurzzeitig um Leben und Tod geht, und erfahren dabei eine Art Einweihung, durch die sie zur eigenen Kraft finden.

Viele Astrologinnen und Astrologen bringen Lilith mit den verborgenen, mysteriösen Seiten des Weiblichen in Verbindung, mit Eigenständigkeit und Aufbegehren, mit Stolz und Stärke. Da das Weibliche in unserer Kultur über Jahrtausende verteufelt und verdrängt wurde, hat Lilith oft etwas Furchterregendes. Sie ist jedoch nur so lange grausam, wie sie aus dem Bewusstsein der Menschen verbannt wird. Letztlich dient die Entfaltung der Lilith-Kraft, und zwar bei Männern wie bei Frauen, dem Leben und der Ganzheit. Der oft in Zusammenhang mit Lilith erlebte Schmerz und die Unergründlichkeit werden häufig als Voraussetzung für die Entfaltung von künstlerischem Potenzial gesehen. Hannelore Traugott, eine der bekanntesten Lilith-Expertinnen, schreibt: "Lilith steht für etwas, was aus unserem Bewusstsein gefallen ist und heimdrängt. Nennen wir es archaische Energie, spirituelle Weiblichkeit, das Wissen der Göttin oder wie immer auch, solange wir keinen Zugang zu dieser Kraft haben, erleben wir hier, psychologisch interpretiert, Verlust, Unterdrückung, Einsamkeit, Leere, Sucht und vor allem Machtkämpfe."Kocku von Stuckrad sagt: "Lilith verkörpert für mich die Präsenz einer archaischen Form weiblicher Stärke, die jeden patriarchalen Diskurs von Macht und Herrschaft ignoriert und sich auf die lebensbejahenden Kräfte des Lebens festleg

Manche Astrologen ordnen Lilith dem Tierkreiszeichen Steinbock zu, da dieses in Opposition zum Domizil des Mondes steht


Literatur:

  1.  Wikipedia (engl.): Burney Relief 
  2.  Man beachte die Vogelfüße des Gespenstes.
  3.  Dokumentation zu Swiss Ephemeris (englisch) mit genauer Darstellung der Berechnung von mittlerer, oskulierender ("wahrer") und interpolierter Lilith, von Dieter Koch und Alois Treindl
  4.  Siegmund Hurwitz: Lilith, die erste Eva, Daimon Verlag Zürich 1980
  5. Am Jom Kippur, dem Tag der Sündenvergebung im Judentum, machte der Hohepriester die Sünden des Volkes Israel bekannt und übertrug sie durch Handauflegen symbolisch auf einen Ziegenbock. Mit dem Vertreiben des Bocks in die Wüste wurden diese Sünden mitverjagt.Wikipedia
  6.  “She wanders about at night, vexing the sons of men and causing them to defile themselves" (19b) Wikipedia (engl.)
  7.  Eiruvin 100b
  8.  James Herschel Holden: A History of Horoscopic Astrology. American Federation of Astrologers, Tempe (USA) 2006, S. 207f.
  9.  http://www.astrologie-muenchen.de/pdf/Lilith.pdf
  10.  Informationen aus: Meridian 5/2005 (Inhaltsverzeichnis)
  11.  Lilith. Mythos und Wirklichkeit. In: Meridian 5/ 99. S. 10
  12.  Hannelore Traugott: Lilith - Eros des Schwarzen Mondes, Edition Astrodata Zürich, 1995

Es ist unmöglich, die Leidenschaften auszurotten; wir müssen nur darauf bedacht sein, sie auf ein edles Ziel zu lenken. 

L. Tolstoi