Chiron

Alle unsere Gefühle, in denen wir die Freuden und Leiden einer wirklichen Person miterleben, kommen auch nur durch ein Bild zustande, das wir uns von diesem Glück oder Mißgeschick machen.

Marcel Proust

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Chiron (oder Cheiron) ist der Name des in der Astrologie meistbeachteten Asteroiden aus der Gruppe der Kentauren. Der Name leitet sich aus dem griechischen Wort für "Hand" ab.

Der erstentdeckte der Kentaurenfamilie unter den Kleinplaneten (MPN 2060). Die Kentauren nehmen wohl eine Zwischenstellung zwischen Kometen und Asteroiden ein. Chiron bewegt sich zwischen der Saturn- und der Uranusbahn. Er wurde am 1. November 1977 am Palomar-Observatorium (Bundesstaat Kalifornien), USA, von Charles T. Kowal entdeckt Sein geschätzter Durchmesser liegt nach neuesten Untersuchungen durch das Spitzer Weltraumteleskop bei 233 km,der mittlere Sonnenabstand beträgt 2 036 Millionen Kilometer. Für einen siderischen Umlauf auf einer stark elliptischen, exzentrischen Bahn benötigt er 50,2 Jahre.

Seine Verweildauer in den Tierkreiszeichen ist unterschiedlich lang. So ist er beispielsweise sieben bis acht Jahre in den Fischen und im Widder (Aphel). Dagegen verweilt er nur etwa anderthalb bis zwei Jahre in der Jungfrau und in der Waage (Perihel).

In der antiken Mythologie ist Chiron der Weise und Heiler unter den Kentauren-Wesen, mit dem Oberkörper eines Menschen und einem Pferdeleib, sowie ihr Anführer. Wie Pholus hebt er sich von der Masse der Triebhaften ab. Schon durch seine Abstammung unterscheidet er sich von den anderen Kentauren. Er war nämlich der Sohn von Kronos (Saturn) mit der Nymphe Philyra. Chiron kam zu seiner Gestalt, weil sich Kronos der Nymphe als Hengst angenähert hatte. Seine Mutter verstieß ihn nach seiner Geburt, abgestoßen von seinem Äußeren. Daraufhin wurde er von dem Sonnengott Apollon und der Mondgöttin Artemis unterwiesen. Er zeichnete sich durch seine Weisheit und seine heilerischen Fähigkeiten aus. So wurde der Hässliche schließlich zum Lehrer vieler Götter und Helden, denen er die Heilkunst und die Kriegskunst beibrachte, aber auch die Weissagung, die Jagd und die Musik. Auch sein Name weist auf seine besondere Abstammung hin: er erhielt ihn auf Grund der Geschicklichkeit seiner Hand

Als Herakles sich im Kampf mit den Kentauren befand, traf einer seiner Giftpfeile versehentlich Chiron. Die Wunde führte zu schrecklichen Qualen, denn das Gift wirkte, man konnte ihn als Göttersohn aber nicht töten; wegen seiner göttlichen Abstammung war er unsterblich. Doch es blieb ihm versagt, sich selbst zu heilen, obwohl er anderen immer helfen konnte. So wurde er zum "verwundeten Heiler". Seine Erlösung erlangte er, als ihm Herakles vom Schicksal des Titanen Prometheus berichtete. Der war wegen seines Aufbegehrens gegen Zeus' Willen an einen Felsen des Kaukasus gekettet worden. Jeden Tag kam Zeus' Adler und fraß an seiner Leber, doch auch er konnte nicht sterben, weil sie in der Nacht immer wieder nachwuchs. Entkommen konnte Prometheus seinem Schicksal nur, wenn einer der Unsterblichen bereit wäre, sich zu opfern und für ihn in die Unterwelt zu gehen. Chiron stimmte dem zu. Damit opferte er seine Unsterblichkeit und erlöste zugleich Prometheus von seinem Leiden. Zeus war davon so gerührt, dass er die Opfer annahm. Chiron durfte den Hades verlassen und in den Götterhimmel einkehren, wo er als Sternbild des Kentauren zu sehen ist

Chirons Themen sind die Ambivalenz von geistiger Größe und körperlicher Unvollkommenheit, von Heilen und der Schwierigkeit der Selbstheilung, sowie von Opfer und Erlösung. Darüber hinaus ist Chiron mit seiner Position im Sonnensystem und seiner mythologischen Geschichte ein Mittler zwischen der materiellen Welt (Pferdekörper, Planet Saturn) und der geistigen (menschliche Weisheit, Planet Uranus). Er kennt beide Pole, und er kann ihnen nicht entrinnen, obwohl er es gerne möchte. Wenn er versucht, seinen materiellen, körperlichen Teil zu ignorieren, ruft der sich in Form von Schmerzen in Erinnerung. Dagegen ist Chiron machtlos, obwohl er ein großer Heiler ist. Als er den materiellen Teil in sich so weit akzeptiert, dass er sogar seine göttliche Herkunft dafür hinzugeben bereit ist, erfährt er schließlich die Erlösung.

Die Astrologin Eva Stangenberg fasst zusammen, worum es dabei geht: "Seine Stellung in unserem Radix zeigt uns nun, wo wir die Spaltung, unsere Wunde, erfahren, wo wir aber dadurch auch die größte Chance haben, sie zu überwinden, heil zu werden. Und dadurch wird es möglich, mittels der geistigen Erkenntnisfähigkeit des Uranus die Einheit von Körper und Geist nicht nur in uns, sondern in allem, was ist, wahrzunehmen... Bei Chiron geht es nicht darum, durch harte Arbeit am Thema zur Meisterschaft zu gelangen wie bei Saturn, oder durch Lösung von Traumata gebundene Energien zu befreien wie bei Pluto, sondern durch Annehmen des Mangels ,heil' zu werden... Unsere Erfahrungen mit unserem Mangel und die Annahme dieses Mangels machen es erst möglich, andere, die ähnliche ,Probleme' haben, zu verstehen... Wir schenken anderen unser Mitempfinden, unser Verständnis, unsere Erfahrungen und können ihnen damit helfen. Damit ,opfern' oder schenken wir nicht etwas, wodurch wir ,ärmer' werden, im Gegenteil, wir ,gewinnen' eine Verbindung, stellen Einheit her, wo vorher Abspaltung war.

Deutung:

  • International (Zane Stein, Melanie Reinhart, etc.): Verwundung/ Krankheit/ Heilung/ Ganzheitlichkeit: Leiden, Krankheiten, Unfälle, Verwundungen als Wendepunkte im Leben: schwierige Lebensphasen; Erkrankungen "durchleuchten" unser Wesen und bringen Grundstrukturen mit all ihren evtl. Defiziten zum Vorschein. Dies leitet oft einen Wandlungsprozess ein. Während es bei Saturn mehr um das geduldige Ertragen des "Schicksals" und ausdauerndes Hinarbeiten auf die Heilung geht, versucht Chiron uns über ein neues Bewusstsein für unsere Selbstverantwortung mehr innere Freiheit und Verständnis für das Leiden zu geben. Therapien zielen auf das Auffinden des "inneren Schlüssels" zur Heilung hin, welches einem letztlich hilft, den tieferen Sinn in äußerlichen "Beschwerden" zu sehen und sich von dem oft begleitenden Frust zu lösen. Dies bewirkt eine innere Erleichterung und Lockerung, die den Heilungsprozess beschleunigt, ohne etwas zu Verdrängen (wie bei der uranischen Rebellion) oder sich dem Schicksal zu überlassen (Saturn). In extremen Fällen auch ein Frieden-Schließen mit dem Unabänderlichen.
  • Ironie des Schicksals: der Heiler, der sich nicht selbst heilen kann, Aspekt der Demut

Du hast deine Kindheit vergessen, aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich. Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst.

Hermann Hesse


Literatur:

  • Hans-Jörg Walter: Der Planet Chiron. Die Polarität Heil und Unheil. 42 Seiten. Chiron Verlag Dusslingen 1986 ISBN 3925100032
    Er arbeitet die verschiedenen Facetten des Chiron-Prinzips heraus: unter anderem die Polarität Heil und Unheil, ebenso seine Beziehung zum Humor. Die eindringlichsten Belege für den chironischen Humor erbringt seine Studie über die englische Comedy-Gruppe Monty Python. Ebenso deckt er die dunkle Seite des Kentauren auf und sieht dessen archetypische Bedeutung in drei Gestalten der Gralssage symbolisiert: dem Erlöserhelden Parzival, dem Dulderkönig Amfortas, aber auch dem Schwarzmagier Klingsor.
  • Zane B. Stein: Chiron, Chiron Verlag 1985-1999 ISBN 978-3925100062
  • Zane B. Stein: Wendepunkt Chiron, Chiron Verlag, (4. Auflage 2007, engl. Original 1987) ISBN 978-3925100086
  • Melanie Reinhart: Chiron - Heiler und Botschafter des Kosmos, Edition Astrodata, Wettswil, 1993 ISBN 978-3907029268 (engl. Original: Chiron and the Healing Journey, Penguin Arkana 1989)
  • Barbara Clow: Chiron - Die Verbindung zwischen inneren und äußeren Planeten. Verlag Heinrich Hugendubel GmbH, 2. Aufl. 1992 ISBN 978-3880345850
  • Lianella Livaldi-Laun: Chiron in der Partnerschaftsastrologie. Chiron-Verlag 2005 ISBN 978-3899971255
  • Reinhardt Stiehle (Hrg): Rätsel Chiron: Was bedeutet er für die Astrologie? 304 Seiten. Chiron Verlag 200

Wenn wir nicht vergeben können, vergeben wir die Chance, uns von altem Leid zu befreien.

Andreas Tenzer